Lernprozesse sind durch ein hohes Maß an Individualität gekennzeichnet. Sie sind beispielsweise abhängig von persönlichen Vorkenntnissen, Begabungen, Erfahrungen, Interessen oder Lerntempi. Daher müssen die Lernenden zunächst die Gelegenheit erhalten, sich eigenständig mit einem bestimmten Thema/Sachverhalt auseinanderzusetzen. Auf diese Weise werden die persönlichen Wissensnetze aufgerufen, neue Informationen oder Herausforderungen aktiv verarbeitet und in die bestehenden Wissensnetze integriert. Daher darf kein Unterricht auf die Phase der Einzelarbeit – das Denken – verzichten.

In der Phase des Austausches erhalten die Schüler die Möglichkeit, die in der Einzelarbeit gewonnenen Ergebnisse einem oder mehreren Schülern mitzuteilen. Auf diese Weise erhalten sie eine Rückmeldung zu ihrer Arbeit, können ihre Ideen weiterentwickeln und Fehler oder Wissenslücken beseitigen. Durch die Konfrontation der unterschiedlichen Wissensnetze entsteht eine gemeinsame Wissenskonstruktion. Da jeder zu Wort kommt, werden alle Gruppenmitglieder aktiv in den Lernprozess eingebunden. Schwächere Schüler bekommen durch diese Austauschphase eine größere Sicherheit, stärkere Schüler können ihre Beiträge weiter verbessern.

Abschließend stellen die Schüler ihre Partner- bzw. Kleingruppenergebnisse der Klasse vor. Hierbei vergleichen die Schüler, ähnlich wie schon in der Phase zuvor, ihr erworbenes Wissen mit dem präsentierten Wissen. Dabei stoßen sie auf Übereinstimmungen aber eventuell auch auf Unterschiede, die in einer anschließenden Diskussion thematisiert werden oder in einer neuen oft nur kurzen Lernschleife (D-A-V) aufgelöst werden können. So erkennen die Schüler oft selbst, wo ihre Fehler lagen und in diesem Prozess geschieht oft erst der eigentliche Lernfortschritt.

Diese Grundstruktur (D-A-V) prägt die Dramaturgie des Unterrichts und kann in allen Unterrichtsformen und –phasen eingesetzt werden.

Methoden wie Gruppenpuzzle, Gruppenturnier, Lerntempoduett,… sind in hohem Maße schüleraktivierend, lernwirksam und motivierend. Sie unterstützen die Grundstruktur des KL insofern, dass durch ihren Einsatz viele Schüler möglichst gleichzeitig und dauerhaft in die Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsgegenstand eingebunden werden.

Um diese Methoden mit den Schülern zu trainieren und den Dreischritt dauerhaft zu etablieren, haben wir an unserer Schule sogenannte Projekt-Tage eingerichtet, die regelmäßig einmal im Halbjahr stattfinden. Hier beschäftigen sich Lehrer wie Schüler ohne Zeitdruck mit einem bestimmten Inhalt wie z.B. „Emil und die Detektive“ oder „Das Römische Reich“. An diese Inhalte ist zum einen eine bestimmte, von dem Kollegium in einer Teilkonferenz beschlossenen  Zielsetzung, wie beispielsweise Verbesserung der Lesekompetenz oder der Partnerarbeit und zum anderen eine für Kooperatives Lernen geeignete Methode angebunden. Diese Methode sollte nach ihrer Einführung in den folgenden Unterrichtsstunden von den verschiedenen Fachlehrern aufgegriffen und weiter vertieft werden.

 

Thema, Inhalte und Methoden der Projekttage:

 

5.1 Bundesländer

      Inhalt: Effektives Üben -> Gruppenturnier

 

Beim Gruppenturnier stellen Schülergruppen während eines Wettkampfes unter Beweis, welches Team ein Themengebiet besonders gut beherrscht. Dazu eignen sich die Schüler einen bestimmten Inhalt (z.B. Bundesländer und ihre Hauptstädte) zunächst in Einzelarbeit an. Anschließend überprüfen sie ihren Wissensstand durch Kartenabfrage in ihrer Kleingruppe. Dabei besteht das Ziel darin, möglichst alle Gruppenmitglieder so zu unterstützen, dass jeder das Themengebiet gleichermaßen gut beherrscht. Danach gehen alle Schüler dieser ursprünglichen Gruppe (Stammgruppe) in ihre Wettkampfgruppen, in denen sie ihr Können unter Beweis stellen. Nach dem Wettkampf werden die erzielten Punkte in der Stammgruppe addiert und die Turniersieger (= Gruppe) ermittelt.  Diese Übungsmethode ist vor allem in den unteren Jahrgangsstufen in hohem Maße motivierend und schüleraktivierend.

 

5.2 Emil und die Detektive

Inhalt: Lesekompetenz (1) -> Lesetandem, Paarweises Lesen, Partnerpuzzle, Reziprokes Lesen

 

Während dieses Projekt-Tages lernen die Schüler die komplette Handlung von Kästners „Emil und die Detektive“ kennen. Dabei werden Zusammenfassungen, einzelne Szenen und Filmausschnitte als Material zur Verfügung gestellt.

 

Bei dem Lesetandem liest jeder Schüler zunächst seinen eigenen Text in Stillarbeit. Danach liest er ihn leise vor. Sein Partner fasst anschließend das Gehörte mit eigenen Worten zusammen, wobei der Vorlesende die Richtigkeit der Zusammenfassung überprüft.

Diese Form des wechselseitigen Lesens wird beim paarweisen Lesen insofern modifiziert, dass nun beide Schüler den gleichen Text erhalten, einen Abschnitt zunächst still lesen und  ihn danach abwechselnd zusammenfassen.

Beim Reziproken Lesen erschließen sich die Schüler einen Text durch kooperative Zusammenarbeit. Zunächst lesen sie den ersten Textabschnitt in Einzelarbeit. Anschließend bekommt jedes Gruppenmitglied eine von vier Aufgaben:

1. Fragen zu schwierigen Textstellen/Begriffen

2. Fragen zum Inhalt

3. Inhalt zusammenfassen

4. Prognose zum weiteren Geschehen

Nachdem die Aufgaben in der Gruppe besprochen wurden, wird der zweite Textabschnitt gelesen, wobei jeder Schüler einen anderen Arbeitsauftrag erhält. Der Text wird also abwechselnd in Einzel- und Gruppenarbeit erschlossen und  jeder Schüler ist aktiv an der Texterfassung beteiligt.

 

Das Partnerpuzzle ist eine Methode der gegenseitigen Wissensvermittlung. Die Paare erhalten unterschiedliche Materialien (z.B.: zwei Textauszüge). Jeder Schüler bearbeitet seine Aufgabenstellung zunächst in Einzelarbeit. Anschließend trifft er sich mit den Schülern, die den gleichen Text bekommen haben in der sogenannten Expertengruppe. Hier werden die individuellen Ergebnisse verglichen, ergänzt und ggf. korrigiert. Nun gehen die Schüler zu ihrem ursprünglichen Partner zurück und stellen ihre Arbeitsergebnisse wechselseitig vor. Der Partner notiert sich das Wesentliche.

 

6.1 Entdecker

      Inhalt: Lesekompetenz (2)/Place Mat

 

Der Projekt-Tag beschäftigt sich mit großen Entdeckern, wie Christoph Kolumbus. Die Schüler entnehmen Sachtexten die zentralen Informationen.

 

Jede Gruppe erhält zunächst einen Flip-Chart-Bogen (o.ä.), der so aufgeteilt ist, dass jeder Schüler sein eigenes Feld vor sich hat und in der Mitte ein Feld für die Gruppenergebnisse frei bleibt. Nun notieren die Schüler Antworten auf die W-Fragen in dem vor ihnen liegenden Feld zunächst in Einzelarbeit. Anschließend werden die individuellen Ergebnisse der Gruppe ausgetauscht, indem die Place Mat im Uhrzeigersinn gedreht wird. Dabei achten die Schüler auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede. In der sich anschließenden Phase der Gruppenarbeit einigen sich die Schüler auf ein Gruppenergebnis, notieren dieses in der Mitte und tragen es durch Zufallsauswahl im Plenum vor. Die Einzelarbeit der Schüler kann jedoch auch statt auf einem Flip-Chart-Bogen in der eigenen Mappe erfolgen. Das Gruppenergebnis wird dann auf ein DIN-A4-Blatt oder einer Folie, die für die Präsentation genutzt werden könnte, notiert.

 

6.2/7.2  Harry Potter

Visualisieren/Präsentieren(1) und (2)-> Mind Map, Fishbone

 

Bei diesem Projekt-Tag setzen sich die Schüler mit Hogwarts und vier zentralen Figuren aus „Harry Potter“ auseinander.

 

Damit Schüler ihre mentalen Wissensnetze aufbauen und diese auch erfolgreich speichern und wieder abrufen können brauchen sie entsprechende Lernstrategien. Als sehr hilfreich haben sich dabei Visualisierungsstrategien erwiesen. Hierbei werden durch aktive Auseinandersetzung mit einem Text/Sachverhalt  grafische Strukturen herausgearbeitet. Durch die Reduktion auf Kernelemente wird der Text  nicht nur besser verstanden, der Schüler ist  auch eher in der Lage, ihn wiederzugeben oder sich an wesentliche Aussagen zu erinnern. Wichtig hierbei ist, dass im Sinne des Dreischritts (D-A-V) zunächst jeder Schüler sich aktiv mit dem Text auseinander setzt und für sich eine graphische Struktur erstellt. Diese wird in einem zweiten Schritt der Gruppe vorgestellt. Im Anschluss daran wird eine Grafik in die Mitte des Tisches gelegt, durch die anderen Gruppenteilnehmer optimiert und auf einen großen Bogen für eine anschließende Präsentation übertragen. Diese könnte in Form eines Museumsganges erfolgen.

Das Gruppenpuzzle funktioniert ähnlich wie das Partnerpuzzle, nur erhalten hierbei jeweils vier Schüler  unterschiedliche Texte. Diese Methode erfordert von den Schülern viele Einzelkompetenzen (sinnerfassendes Lesen, Texte strukturieren und zusammenfassen, …) und ist daher recht anspruchsvoll. Individuelle Hilfestellungen sollen die Bearbeitung der Aufgabe deshalb an diesem Methodentag  erleichtern. Durch die Komplexität der Methode erscheint eine sorgfältige Einführung außerhalb des normalen Unterrichts erforderlich.

 

7.1 Das Römische Reich

      Inhalt: Effektive Partnerarbeit ->Lerntempoduett,…

 

Beim Austausch in der Partnerarbeit ist es häufig eine gängige Praxis, dass die Schüler sich lediglich ihre Ergebnisse mitteilen, ohne darüber zu diskutieren oder zu reflektieren. Daher ist es effektiver, wenn der Arbeitsauftrag die Partnerarbeit so strukturiert, dass die Schüler sich gedanklich auf den Partner einlassen müssen, weil sie beispielsweise absichtlich eingebaute Fehler in einer Textzusammenfassung erkennen müssen. Die gewählten Formen der Partnerarbeit sollen sowohl die kommunikative als auch ihre kognitive Kompetenz fördern.

Das Lerntempoduett berücksichtigt vor allem die unterschiedliche Lerngeschwindigkeit der Schüler. Jeder Schüler erhält eine Reihe von Aufgaben zum Thema Römische Zahlen und kann diese in seinem individuellen Lerntempo bearbeiten. Wer mit der ersten Aufgabe fertig ist vergleicht sein Ergebnis mit demjenigen, der zeitgleich fertig geworden ist. Anschließend wird die zweite Aufgabe bearbeitet usw. So entsteht für keinen Schüler Leerlauf.

 

 

8.1 Grammatische Strukturen

Inhalt: Effektives Üben (2) -> Reziprokes Lesen, Stapelkarten, Concept Attainment,   Strukturnetz

 

Dieser Projekt-Tag ermöglicht eine methodische Vorbereitung auf die Lernstandserhebungen.

 

Beim Reziproken Lesen erschließen sich die Schüler einen literarischen Text durch kooperative Zusammenarbeit. Zunächst lesen sie den ersten Textabschnitt in Einzelarbeit. Anschließend bekommt jedes Gruppenmitglied eine von vier Aufgaben:

1. Fragen zu schwierigen Textstellen/Begriffen

2. Fragen zum Inhalt

3. Inhalt zusammenfassen

4. Prognose zum weiteren Inhalt

Nachdem die Aufgaben in der Gruppe besprochen wurden, wird der zweite Textabschnitt gelesen, wobei jeder Schüler einen anderen Arbeitsauftrag erhält. Der Text wird also abwechselnd in Einzel- und Gruppenarbeit erschlossen, wobei jeder Schüler aktiv an der Texterfassung beteiligt ist.

 

Beim Concept Attainment setzen die Schüler sich aktiv mit der Bedeutung von Begriffen auseinander. Auf einem Arbeitsblatt erhalten die Schüler geordnete Beispiele für zwei Satzkonstruktionen (Aktiv/Passiv). Sie sollen nun die Gemeinsamkeiten der zusammengehörenden Beispiele notieren. Die entstandenen Vermutungen werden der Gruppe vorgestellt und diskutiert. Nachdem man sich auf ein gemeinsames Ergebnis geeinigt hat, wird dieses in der sich anschließenden Einzelarbeit an ungeordneten Beispielsätzen überprüft. Das Ergebnis dieser Arbeitsphasen wird zunächst in der Gruppe diskutiert und anschließend im Plenum vorgestellt und mit den anderen Ergebnissen abgeglichen.

Die Stapelmethode ist eine kooperative Methode zur Wiederholung von Begriffen (z.B. Satzglieder) und deren Bedeutung. Zunächst ordnet jeder eine vorgegebene Anzahl von Begriffen nach bekannt/ teilweise bekannt und unbekannt drei Stapeln zu. Diese werden nun mit dem Partner durchgearbeitet. Danach werden die übriggebliebenen vermeintlich unbekannten Begriffe in der Gruppe und eventuell noch im Plenum geklärt.

 

Mit Hilfe des zulegenden Strukturnetzes sollen sich Schüler an bereits bekannte Rechtschreibregeln erinnern und Beispiele entsprechend zuordnen.


8.2 Individualisierung - Gedichte erschließen mit Hilfekarten

Individuell fördern heißt, den einzelnen Schüler entsprechend seinen Begabungen und Möglichkeiten optimal zu unterstützen Dabei ist es nötig, dass der Schüler seine Stärken und Schwächen eigenständig erkennt und selbst überlegt, wie er daran arbeiten kann. Der Lernzirkel zum Thema Gedichte ist dadurch gekennzeichnet, dass ein Themenbereich in unterschiedliche Teilbereiche portioniert wird. Alle Schüler durchlaufen gleichzeitig alle Aufgaben mit unterschiedlichen Hilfen. Dabei können sie in ihrem eigenen Tempo arbeiten. Zu Beginn und am Ende dient eine Diagnose dazu, dass die Schüler lernen sich selbst und ihren Lernzuwachs einzuschätzen. Mit Hilfe der Anfangsdiagnose können die Schüler einschätzen, auf welcher Kompetenzstufe sie stehen und welche Hilfekarte sie benötigen. Die Hilfekarten werden von der Lehrkraft für alle Kompetenzbereiche in ausreichender Anzahl zur Verfügung gestellt. Die Abschluss-Diagnose soll den Schülern eine Reflexion ihres eigenen Lernfortschritts ermöglichen. ( © U. Reichel/B. Alze)

 Durch Kooperatives Lernen gelingt es zunehmend mehr, nicht nur den schwächeren Schülern Sicherheit zu geben, alle Schüler beim Wissenserwerb zu aktivieren und die Qualität der Schülerbeiträge zu steigern, sondern auch ihre Sozialkompetenz zu verbessern und die Schüler im Lernprozess persönlich verantwortlich zu machen.

Auf diese Weise versuchen wir, den in den letzten Jahren ständig steigenden Anforderungen an Schule Rechnung zu tragen und uns nicht ausschließlich auf Wissensvermittlung und vorberufliche Qualifikationen zu beschränken, sondern auch soziale Kompetenzen wie Toleranz, Achtung und Respekt vor anderen Menschen zu fördern. Auch sollen Schüler immer stärker befähigt werden, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

Nach jedem Projekt-Tag werden die Inhalte sowie die durchgeführten Methoden evaluiert. Verbesserungsvorschläge werden aufgegriffen und entsprechend umgesetzt. So entwickeln wir diese Tage kontinuierlich weiter, um sie der sich ständig verändernden Schülerschaft anzupassen.

 

            

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